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Das weihnachtliche Baby

Sicher wird auch heute noch erzählt, dass die Maria und der Josef, in einem Stall zu Betlehem ein Baby bekamen. Das war vor 2000 Jahren - ungefähr gezählt. So ungefähr 50 Jahre sind es her, da durfte ich den Josef spielen und die Susi von der Sempacherstrasse war die Maria. In Zürich war das, der Stall war ein Schulzimmer am Römerhof. Susi sang: 'Josef lieber Josef mein .....' darauf reimte sich Kindelein und ich sang: 'Maria liebe Maria mein ....' und dann kam schon wieder Kindelein. Meine Mutter fand die Aufführung sehr schön, sie sagte die blonde Susi wäre eine hübsche Maria und auch ich als Josef recht passabel. Vom Kindelein sagte sie nichts, das war nur eine Puppe aber das Heu in Krippe war echt. So war es damals.

Aus dem Josef wurde ein paar Jahre später ein Elektriker mit Stimmbruch - was wohl aus der blonden Susi wurde? Als Elektriker geht man in die Gewerbeschule und dort wird nicht gesungen, nicht einmal  richtig Weihnacht gefeiert, aber verschiedene Sachen lernen muss man dort. Auch über Chemie - das war mein Lieblingsfach, vielleicht das einzige was mich an der Gewerbeschule wirklich interessierte. Zuhause machte ich sogar freiwillige Aufzeichnungen zum Erlernten, schrieb und zeichnete, sogar mit Farbstiften. Chemie ist ein farbiges Fach und manchmal macht es auch 'päng' und stinken tut es bei gewissen Experimenten. Das alles brachte ich zu Papier, die Formeln, die Flamme des Bunsenbrenners, die  Reagenzgläschen mit grüner, blauer oder violettem Gebrodel - und natürlich auch erklärender Text. Ich füllte Seite um Seite mit Begeisterung und recht guten Bildchen und - es ist leider wahr, mit der mir eigenen miserablen Handschrift. Was nützen die schönen Bildchen, wenn diese von einer Sauschrift eingerahmt werden? 

Vor 40 Jahren, als in verschiedenen weihnachtlichen Aufführungen die Maria den Josef und der Josef die Maria und beide zusammen das Kindelein angesungen haben mögen, da wünschte ich mir, auch ein Baby zu bekommen, genauer, eine HERMES Baby, eine Schreibmaschine! Klein aber fein - und sehr teuer. Meine Mami, im Solde der Stadt Zürich als Wärterin in der Bedürfnisanstalt am Kreuzplatz, konnte zwar unsere Bedürfnisse mit dem städtischen Lohn gerade so bezahlen. Der achtzehn jährige Stromerstift und seine drei Jahre jüngere Schwester hatten da so einige Wünsche, zu Weihnachten natürlich besondere und 1958 wünschte sich der frühere Josef aus dem Schulzimmer-Stall ein Baby, eben eine HERMES Baby, seiner miserablen Handschrift wegen. Und ich bekam meine Schreibmaschine, ein Prachtstück, elegant mit dunkelgrauem Metalldeckel mit zwei Chromknöpfen und einem Traggriff. Alles Metall, nur die Tasten aus Kunststoff. Ich war im Himmel - fast.

Jetzt konnte ich die Texte 'drucken', tippen, Stunde um Stunde, am Tag und in der Nacht, das neue Jahr 1959 kam und am ersten Schultag mit Chemie präsentierte ich dem Chemielehrer eine ge-tip-toppe Hausarbeit über alles was er uns vermittelt hatte im vergangenen Semester. Natürlich bekam ich Lob und eine Sechs ins Zeugnis - die einzige Sechs meiner langen, 4-jährigen Gewerbeschulezeit. Immerhin. Mein 'WeihnachtsBaby' wurde unentbehrliches Werkzeug für mich. Alles wurde getippt - alles. Ich schrieb nicht mehr von Hand. Und jeden Tage hatte ich eine neue Idee was noch getippt werden könnte. Und eines Tages war das 'Baby' weg, verschwunden, nicht mehr zu finden. Weg! Unglaublich. Um acht Uhr kam Mami nach Hause, nach einem 13-stündigen Tag als 'Hüslifrau' am Kreuzplatz. 'Wo ist die Schreibmaschine' ... sicher hatte ich sie angeschrien. Sie starrte mich an, dann weinte sie. Und dann erklärte sie. Dass ich keine Ahnung hätte, mit was sie alles bezahlen soll. So, das wäre der einzige Ausweg aus der Geldklemme, das 'Baby' wäre jetzt beim Pfandleiher, jetzt könne sie die fälligen Rechnungen begleichen - wenigstens zum Teil. Ich müsse das verstehen. Mein 'Baby' war weg - das verstand ich.

Und wieder einmal war Weihnachten vor der Tür, ein trauriges Fest für mich, so dachte ich. Keine neuen Geschenke in Aussicht - mein 'Baby' beim Pfandleiher!

Der 25. Dezember 1959 kam, den Weihnachtsbaum hatten wir am Tage zuvor geschmückt. Meine Schwester und ich warteten auf Mami die am Kreuzplatz bis nach sieben Uhr Dienst hatte. Und dann kam sie nach Hause - sah mich in ungewohntem Hut und Mantel verkleidet, sah meine Schwester mit einem Tischtuch über dem Kopf und einer Puppe im Arm. Ich sang: 'Maria liebe Maria mein ....' und Schwesterchen echote: 'Josef lieber Josef mein .....' und auch Kindelein. Das Kindelein zwar nur ein Puppe und mein 'Baby' immer noch beim Pfandleiher. Mami meinte - wie früher schon - dass ich ein ganz passabler Josef abgäbe und, dass meine Schwester als Maria noch besser singe als die blonde Susi von der Sempacherstrasse.

BLICK -OnLine Publikation 24. Dezember 1998
http://www.blick.ch/blick/bl_archiv/1998/1998_12_24/bl_seiten/aktuell/main_ak16.htm